Neun Pizzen, sieben Sprachen
Auch bei diesem Beitrag hat eine KI mitgeschrieben. Wie, steht am Ende.
In einer internationalen Klasse hat eine Mathestunde zwei Hürden. Die eine ist die Mathematik. Die andere ist das Deutsch, in dem sie erklärt wird. Wer noch nicht weiß, was „Nenner“ heißt, dem hilft auch die schönste Regel über Nenner nicht weiter.
Wie groß die Lücke ist, zeigte sich bei den linearen Funktionen. Punkte zu y = ½ · x + 2 ausrechnen, eigentlich nichts Besonderes. Schon da sah man die Schwierigkeiten mit den Brüchen.
Für diese Klasse gibt es jetzt eine Reihe zu Brüchen: neun kurze Erklärvideos, vom Schreiben eines Bruchs bis zum Teilen durch einen Bruch, jedes zwischen knapp drei und knapp sechs Minuten lang. Dazu je ein Arbeitsblatt und eine Webseite. Die Videos sprechen Deutsch, die Untertitel gibt es in sieben Sprachen. Und fast überall kommt eine Pizza vor.
Wie so eine Einheit entsteht, erzähle ich hier Schritt für Schritt. Die Technik dahinter steht gesammelt am Ende, für alle, die es genau wissen wollen.
Erst das Drehbuch
Am Anfang steht, was ich im Unterricht sonst an der Tafel mache. Ich sage der KI, was drankommt und in welcher Reihenfolge, und vor allem, womit. Beim Multiplizieren wollte ich keine Pizza, sondern eine Fliese, die in einen Quadratmeter gelegt wird: Man zählt die Kästchen der Fliese und alle Kästchen im Quadrat, und schon steht Zähler mal Zähler durch Nenner mal Nenner an der Tafel. Beim Addieren sollten alle Ergebnisse höchstens eins sein; das Rechnen über eins bekommt ein eigenes Video.
Daraus schreibt die KI zwei Dinge: den Sprechtext in einfacher Sprache, mit kurzen Sätzen, „du“ und vielen Wiederholungen, und die Folien dazu. Neue Wörter kommen mit Artikel, „der Nenner“, weil man sie so lernen muss. Die Kreise und Pizzen sind exakt berechnet und keine KI-Bilder: Bei Brüchen muss ein Drittel wirklich ein Drittel sein. Im Sprechtext stehen kleine Marken, die festlegen, an welcher Stelle das nächste Pizzastück aufleuchtet.
Dann die Stimme
Die Videos sprechen mit meiner Stimme, ohne dass ich sie eingesprochen habe. Wie das geht, habe ich in „Stift und Stimme“ beschrieben: Ein Sprachmodell auf meinem eigenen Rechner hat meine Stimme aus einer kurzen Aufnahme gelernt und liest jeden Text damit vor.
Danach hört der Rechner selbst nach. Ein zweites Programm schreibt mit, was tatsächlich gesagt wurde, und vergleicht es mit dem Drehbuch. Bei schnellen Zahlenfolgen wie „vier mal drei ist zwölf“ war sich die Zeitmessung einmal unsicher; gegengehört war alles richtig gesprochen. Einmal stand „fünf Fünfzehntel“ auf der Kippe, ebenfalls korrekt. Mir ist das lieber, als mich darauf zu verlassen, dass schon alles stimmen wird.
Zum Schluss spielt ein Browser ohne Fenster die Folien Bild für Bild zur Tonspur ab, und daraus wird das Video. Untertitel und Kapitelmarken fallen dabei gleich mit ab, weil der Rechner ja weiß, wann welches Wort gesprochen wird.
Sieben Sprachen, deutsche Wörter
Die Untertitel gibt es auf Deutsch, Englisch, Russisch, Bulgarisch, Portugiesisch und Serbisch in beiden Schriften. Übersetzt hat die KI, mit einer Regel, die mir wichtig war: Die deutschen Fachwörter bleiben in Klammern stehen. Im englischen Untertitel heißt es also „denominator (der Nenner)“. Die Klasse soll verstehen, was gemeint ist, und trotzdem das deutsche Wort hören und lesen. Die Leseregel „aus drei wird Drittel“ bleibt sowieso Deutsch, die lässt sich nicht übersetzen.
Das Arbeitsblatt kommt aus den Untertiteln
Für das Arbeitsblatt hat die KI das Video nicht angesehen. Das wäre teuer gewesen und hätte nichts gebracht: Alles, was im Video gesagt wird, steht in den deutschen Untertiteln, und die liest sie in Sekunden. Daraus entsteht zuerst ein Handout, das noch einmal erklärt, mit den Beispielen aus dem Video, voll durchgerechnet. Danach kommen Päckchenaufgaben in drei Stufen. Bei den schwierigen steht ein Tipp, der um 180 Grad gedreht gedruckt ist: erst selbst nachdenken, dann das Tablet drehen. Die Lösungen stehen auf der letzten Seite.
Eine Stelle ging trotzdem schief. In einem Päckchen hieß es „Der Nenner bleibt, der Zähler wächst“, und in der zweiten Hälfte desselben Päckchens war es genau umgekehrt. Aufgefallen ist das beim Durchsehen, korrigiert war es in einer Minute. Wer so etwas nachmacht: Aufgabentexte genauso lesen wie Zahlen nachrechnen.
Video, Untertitel und Arbeitsblatt liegen am Ende in einem Ordner, den ich so, wie er ist, an die Klasse verteile.
Eine Webseite in sieben Sprachen
Jede Einheit hat außerdem eine eigene Seite auf dieser Website. Dort steht das Video mit allen Untertiteln, eine Kapitelliste, in der ein Tipp an die richtige Stelle im Video springt, das Wichtigste in ein paar Sätzen mit Standbildern aus dem Video, das Arbeitsblatt zum Durchblättern und eine kleine Aufgabe mit aufklappbarer Lösung.
Auch diese Seiten gibt es in allen sieben Sprachen. Oben rechts wählt man die Sprache, und die ganze Seite wechselt, die Knöpfe und die Menüleiste eingeschlossen. Das Video bleibt deutsch, aber die Untertitel stellen sich auf die gewählte Sprache ein. Jede übersetzte Seite sagt oben ehrlich, dass sie von einer KI übersetzt und von niemandem mit dieser Muttersprache gelesen wurde, und verlinkt das deutsche Original.
Weiterlernen mit einem Sprachmodell
Am Ende jeder Seite steht ein fertiger Text zum Kopieren. Wer ihn in ein Sprachmodell seiner Wahl einfügt, bekommt eine kleine Nachhilfestunde: fünf Aufgaben nacheinander, nach jeder Antwort eine kurze Rückmeldung. Auf den übersetzten Seiten bittet der Text das Sprachmodell, auf Deutsch zu antworten und nach jedem Satz eine Übersetzung in Klammern zu setzen. So wird aus der Übung zugleich eine Deutschstunde. Auf der deutschen Seite zum Kürzen lautet er so:
Du bist meine Mathe-Lehrkraft. Ich lerne Deutsch als Zweitsprache. Unser Thema: Brüche kürzen (Zähler und Nenner durch dieselbe Zahl, so weit wie möglich). Stelle mir nacheinander fünf kurze Aufgaben. Warte immer auf meine Antwort, dann erkläre kurz. Benutze einfache deutsche Sätze.
Ehrlich gesagt: Solche Prompts werden bisher kaum benutzt. Viele Schüler:innen verwenden ein Sprachmodell nach dem Muster „Löse mir die Aufgabe“ und nicht „Hilf mir, das Thema zu verstehen“. Sie tippen nicht gern, und manche provozieren ihren Gesprächspartner lieber, als mit ihm zu üben. Viel Erfahrung habe ich noch nicht gesammelt. Klar ist aber: Wie mit jedem Medium muss auch der Umgang mit einem Sprachmodell geübt werden. Ein fertiger Text zum Kopieren soll die Hemmschwelle kleiner machen. Einfügen, abschicken, und das Gespräch beginnt schon in die richtige Richtung.
Zum Übernehmen
Alle neun Einheiten findest du unter Unterricht, Filter „DaZ“. Videos, Arbeitsblätter und Prompts stehen unter der Lizenz CC BY 4.0: Du darfst sie verwenden, verändern und weitergeben, auch im eigenen Unterricht und in eigenen Materialien, solange du die Quelle nennst. Der Prompt oben funktioniert mit jedem Thema: Tausch das Thema in der Klammer aus, und du hast eine Übungsrunde zu Prozenten, zu Gleichungen oder zum Satz des Pythagoras.
Und eine Bitte: Wenn du Russisch, Bulgarisch, Portugiesisch oder Serbisch als Muttersprache sprichst und dir auf einer der Seiten ein schiefer Satz auffällt, schreib mir. Genau diese Prüfung fehlt noch.
Für Neugierige: die Technik
Alles entsteht mit Claude Code, einem KI-Werkzeug, das eigentlich für Programmierer gedacht ist. Die Folien sind eine Webseite, die Pizzen darin berechnet ein kleines Python-Programm als Vektorgrafik. Die Stimme erzeugt Qwen3-TTS auf einem PC mit Grafikkarte, nach einer Aufnahme meiner Stimme. Ein Abgleich legt danach jedes Wort auf die Hundertstelsekunde fest, und Whisper, ein freies Spracherkennungsmodell, hört an unsicheren Stellen nach. Aufgenommen wird mit Playwright und Chromium, kodiert mit ffmpeg; für die Website sind die Videos in H.264 umgewandelt, das jeder Browser abspielt. Die Untertitel sind WebVTT-Dateien. Die Arbeitsblätter sind in LaTeX gesetzt. Die Webseiten erzeugt ein Skript aus einer Textdatei je Sprache; die Übersetzungen der Seiten hat Claude geschrieben, die serbische Kyrillisch-Fassung entsteht automatisch aus der lateinischen. Die Formeln setzt MathJax, das wie alles andere auf meinem eigenen Server liegt: Beim Aufruf der Seiten wird nichts von fremden Servern nachgeladen.
Entwurf von Claude Code, auf Grundlage meines Arbeitstagebuchs und der Arbeit an der Reihe. Überarbeitet habe ich ihn selbst.